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BLUTER BEIM SPORT / Ende eines Dogmas
Rottenburg, den 04. April 2011
Auf Bewegung kommt es an

Schwerkranke, die sich Wettkämpfen stellen – bisher undenkbar. Ein Arzt zeigt, wie es geht. RHEINISCHER MERKUR: Die Bluterkrankheit und der Sport – das hat bislang nicht zusammengepasst, das war viel zu gefährlich. Sie haben das Gegenteil bewiesen. Wie kam es dazu?

AXEL SEUSER: Die Bluterbehandlung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert, etwa dadurch, dass man den Gerinnungsfaktor VIII, der den Blutern oder Hämophilen fehlt, inzwischen synthetisch herstellen kann. Darauf konnte ich aufbauen.

Heißt das, dass eine Verletzung nicht mehr unbedingt zu einer Blutung führt, die sich früher nicht mehr stillen ließ?

Ja, genau. Wenn genug Gerinnungsfaktor vorhanden ist, geht das problemlos. Da Bluter heute aufgrund des medizinischen Fortschritts recht normal leben, war für uns klar, dass wir mit dem Dogma, dass Hämophile keinen Sport treiben dürfen, brechen müssen.

Weshalb wollten Sie damit brechen?

Weil Bewegung für eine gute geistige Entwicklung wichtig ist und das allgemeine Wohlbefinden steigert. Der klassische Spruch vom gesunden Geist in einem gesunden Körper ist mittlerweile wissenschaftlich bestätigt. Nur Bewegung führt zu einem längeren und gesünderen Leben. Bewegung soll aber Spaß machen. Und Bewegung und Spaß, das ergibt Sport.

Wie ist es gelungen, die Bluter für Sport zu begeistern?

Zusammen mit Anatol Kurme, einem Kinderarzt aus Hamburg, und dem Institut für Prävention und Nachsorge (IPN) in Köln haben wir ein Programm entwickelt, das Blutern den Einstieg in den Sport erleichtert. Dabei muss aber die richtige Sportart für jedes Kind gefunden werden. Für jeden Sport braucht es gewisse Fähigkeiten in puncto Koordination, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und einen möglichst günstigen Körperfettanteil. Diese Fähigkeiten werden in einem speziellen Fitnesstest bei Kindern überprüft. Danach werden die passenden Sportarten ausgesucht und gegebenenfalls um gezielte Übungen ergänzt.

Gibt es bei Hämophilen nicht eine große Abneigung gegen Sport, sogar Angst?

Im Prinzip schon. Inzwischen haben wir aber zeigen können, dass sich Bewegung positiv auswirkt. Trotz der guten Substitution durch die Gerinnungsfaktoren tragen viele Bluterkinder Sturzhelme und Knieschoner. Deshalb zeigen Bluter in unserem Fitnesstest meist geringere sportliche Fähigkeiten als gleichaltrige gesunde Kinder. Mit unserem Programm haben sich diese aber verbessert. Dazu hat auch unser „Fit for Life“-Wettkampf beigetragen.

Was bedeuten diese Verbesserungen für die Bluter?

Sie sind geschmeidiger, sie sind beweglicher, sie sind ausdauernder geworden. Dadurch fallen sie weniger und stoßen sich weniger. Dadurch haben sie auch weniger Blutungen und brauchen unter Umständen weniger Medikamente. Das fühlt sich gut für die Kranken an und spart viel Geld, denn der Faktor VIII, der für die Blutgerinnung sorgt, ist sehr teuer. Dazu kommt, dass die Bewegung positive Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und auch auf das Selbstbewusstsein hat. Diese soziale Integration durch Sport ist wichtig.

Das sind positive Folgen, die nicht nur für Bluter gelten – die gelten für alle Menschen.

Ja, natürlich. Unser Ziel muss es sein, eine Gesellschaft zu werden, die wieder fitter wird und mehr Sport treibt. Wir machen mit den Blutern vor, wie das geht. In den vergangenen zehn Jahren hat die Fitness von Schulkindern zwischen sechs und zehn Jahren um 15 Prozent abgenommen. Diese Entwicklung müssen wir stoppen.

In Köln steht ein großes Ereignis für die Bluter bevor, die Sport treiben. Was ist das?

Am 8. Oktober ist im Sport- und Olympiamuseum das Finale des bundesweiten Wettkampfs „Fit for Life“, an dem nur Bluter teilnehmen. So etwas war früher ganz unvorstellbar.


(Dr. Axel Seuser ist 46 Jahre alt und Chefarzt der Orthopädie an der Kaiser-Karl-Klinik in Bonn. Die Weltgesellschaft für Hämophilie hat ihn 2003 und 2006 für seine Arbeiten ausgezeichnet.)





Die Bluterkrankheit (Hämophilie) ist ein Leiden, das von Blutern über deren Töchter (die selbst nicht erkranken) auf Enkelsöhne übertragen wird. Heute können sich Bluter zu Hause mit denlebenswichtigen Gerinnungsfaktoren versorgen, sofern Hämatologen sie gut eingestellt haben. Die Uni Bonn hat mit über 1000 Patienten mit erblich bedingten Blutungsneigungen das größte deutsche Zentrum und eines der größten weltweit. Auskunft über Selbsthilfegruppen unter www.igh.info und www.dhg.de .

gefunden in:
Rheinischer Merkur
Nummer 39. 2006
28. September 2006

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