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Verhalten und Maßnahmen der Ersten Hilfe bei Unfällen von Hämophilen im Kindesalter
Rottenburg, den 04. April 2011

Verhalten und Maßnahmen der Ersten Hilfe bei Unfällen von Hämophilen im Kindesalter

Dipl. Med. W. Effenberger
Institut für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin der Universität Bonn

Einleitung

Unfälle mit ihren Folgeerkrankungen stehen mittlerweile an erster Stelle in der Krankheitsstatistik, gefolgt von Herz-Kreislauf, Krebs- und Infektionskrankheiten. Etwa 40% der Todesfälle im Kindesalter werden durch Unfälle verursacht; das sind mehr als 1000 Kinder im Jahr in Deutschland. Die Zahl der Schwerverletzten ist um den Faktor 10 bis 20 höher, die der Leichtverletzten um den Faktor 100. Diese Zahlen erschrecken, zeigen aber auch, daß jede Familie von einem solchen Ereignis betroffen sein kann.

Um die Folgen von Unfällen möglichst gering zu halten, ist es wichtig, vom ersten Moment an das Richtige zu tun, bzw. zu veranlassen. Dieser Artikel soll Ihnen dabei helfen.

Noch wichtiger ist natürlich die Unfallverhütung, auf die in späteren Artikeln eingegangen werden soll.

Unfallursachen

In den verschiedenen Alters- und Entwicklungsstufen bestehen unterschiedliche Schwerpunkte der Gefährdung. Im Säuglingsalter beispielsweise stehen zu 80% Stürze von Tischen, Wickelkommoden, aus Bettchen, Kinderwagen oder aus dem Arm der Eltern im Vordergrund. Durch die fehlende Möglichkeit, sich reflektorisch vor dem Sturz zu schützen, sind Schädel- und Hirnverletzungen in diesem Alter besonders häufig.

Mit zunehmender Mobilität treten im Kleinkind- und Kindergartenalter selbstverursachte Stürze von höheren Möbeln in der Küche oder aber auch an Treppen in den Vordergrund. Besonders gefährlich sind Verbrühungen durch herabgezogene Kochtöpfe, Kaffeekannen o.ä. Mit dem weiteren Heranwachsen treten die Straßenverkehrsunfälle sowie Badeunfälle mit Ertrinkung in den Vordergrund. Das spätere Schulalter zeigt zusätzlich das Ansteigen von Freizeit- und Sportunfällen. Mit Ausnahme von Reitunfällen sind Jungen deutlich häufiger betroffen als Mädchen.

Im Folgenden soll auf Erste-Hilfe-Maßnahmen bei besonders häufigen Unfallursachen eingegangen werden. Grundsätzliche Bemerkungen, die für alle Verletzungen von Bedeutung sind, folgen in der Zusammenfassung.

Schädelverletzungen

Besonders gefürchtet sind Schädelverletzungen, insbesondere wegen der damit möglicherweise verbundenen Gehirnblutung oder Verletzung des Gehirns. Ein besonderes Problem stellt die Tatsache dar, daß von außen das Ausmaß der Verletzung meist nicht richtig abgeschätzt werden kann. Besonders schwierig sind Situationen zu beurteilen, bei denen Erwachsene den Unfallhergang selber nicht beobachtet haben. Im Zweifelsfalle gilt immer der Grundsatz, sich so zu verhalten, als ob eine Verletzung vorliegen könnte. Dies heißt insbesondere, daß zunächst eine Normalisierung der Gerinnungsverhältnisse angestrebt werden muß. Welche Dosierung der Gerinnungskonzentrate dazu erforderlich ist, sollten alle Eltern wissen. Ein entsprechender Hinweis findet sich in den neu ausgestellten Notfallausweisen. Nach der Substitution sollte unbedingt der Kontakt zum Hämophilie-Behandlungszentrum gesucht werden, um weitere Maßnahmen abzusprechen. Besteht kein Zweifel an der Verletzung, ist unverzüglich der Notarzt zu informieren.

Brustkorb- und Bauchverletzungen

Vieles des oben gesagten trifft auch für innere Verletzungen des Körpers zu. Wichtig ist es, nach Hinweisen auf innere Verletzungen zu suchen. Hämatome und Prellmarken können hier wichtige Hinweise bilden. Gleiches gilt für Blutungen aus den Körperöffnungen. Bis zum Eintreffen des Notarztes sollte auf stabile Seitenlagerung oder Schocklagerung (Anheben der Beine) geachtet werden.

Knochenbrüche

Sie betreffen häufig die Extremitäten und sind meist sehr schmerzhaft. Dabei kommt es regelmäßig zu Blutungen im Bruchspalt. Um den Blutverlust gering zu halten, die Reposition (das Wiedereinrichten) der Bruchstücke nicht zu erschweren, wie auch die nachfolgende Heilung, sind auch hier Substitutionen von Beginn an notwendig. Bei der Ersten Hilfe ist es wichtig, an Ruhigstellung der betroffenen Extremitätenabschnitte auch mit provisorischen Mitteln zu denken.

Verbrühungen und Verbrennungen

Abhängig von der Lokalisation und der Ausdehnung gehören auch sie zu den schweren Verletzungen. Blutungen stehen in den ersten Stunden nach der Verletzung nicht im Vordergrund. Für die Notbehandlung ist es wichtig, sofort mit der Kühlung zu beginnen, d.h. die betroffenen Hautstellen unter fließendes kaltes Wasser zu halten. Dieses muß mehrere Minuten geschehen, bis eine deutliche Schmerzlinderung einsetzt. Danach erfolgt die sterile Abdeckung. Bei größeren Hautflächen können dazu auch möglichst saubere, am besten frisch gebügelte, Wäschestücke Verwendung finden.

Biß-, Schnitt- und Stichverletzungen

Hier kommt es meistens sofort zu unterschiedlich starken Blutungen aus der Wunde. Insbesondere bei Bißverletzungen sollte nicht versucht werden, sofort die Blutung zu stillen, da sie zur Wundreinigung beiträgt. Die weitere Wundversorgung ist Aufgabe des Arztes. Zuvor sollte aber auch hier Gerinnungskonzentrat gegeben werden.

Akute Vergiftungen

Die Häufigkeit von Vergiftungen im Kindesalter hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Im Vordergrund stehen Haushaltschemikalien und Arzneimittel. Am meisten sind Kleinkinder mit ihrem Drang, alles in den Mund zu nehmen, gefährdet. Jede Vergiftung, auch wenn sie am Anfang noch harmlos erscheint, kann rasch lebensbedrohend werden. Deshalb ist unverzüglich der Arzt zu informieren. Das Auslösen von Erbrechen sollte nur dann erfolgen, wenn das volle Bewußtsein erhalten ist und geklärt werden kann, daß die aufgenommene Substanz weder ätzend ist (Säure und Lauge) noch schäumt (Haushaltsreiniger). Auch das Erbrechen von leicht flüchtigen Stoffen (Lösungsmittel) kann gefährlich sein, wenn während des Erbrechens diese Flüssigkeit versehentlich in die Lunge gelangt.

Zusammenfassung

Um im Notfall schnell handeln zu können, hat es sich als sinnvoll erwiesen, mit einigen Maßnahmen Vorsorge zu treffen. Hierzu gehört Klarheit über Notfall-Telefonnummern, Notarztdienste sowie Erreichbarkeit von Polizei und Feuerwehr. Natürlich gehört auch die Rufnummer der Hämophilie-Ambulanz dazu. Diese wichtigen Nummern sollten immer gut sichtbar am Telefon liegen, bzw. als erstes in die Nummernspeicher eingegeben werden. Für Kinder, die so alt sind, daß sie selber telefonieren können, ist es wichtig, daß auch sie wissen, wie sie im Notfall Hilfe holen können. Nicht nur im Auto, sondern auch im Haushalt hat sich ein Erste-Hilfe-Kasten schon häufig bewährt. Er sollte insbesondere Verbandmaterial, Schere, Pinzette, Desinfektionsmittel und Dreiecktücher enthalten. Während des bei leichten Verletzungen ausreicht, die Hämophilie-Ambulanz nach der Ersten Hilfe zu verständigen, ist bei schweren Unfällen sowohl der Notarzt als auch der Hämophilie-Behandler zu verständigen. Für den weiteren Behandlungsverlauf ist es entscheidend, daß beide Kollegen miteinander in Kontakt treten. Insbesondere muß entschieden werden, ob der Verletzte transportfähig ist, wo sinnvollerweise die Erstversorgung durchgeführt wird und ob später eine Verlegung in das nächstgelegene Hämophilie-Zentrum sinnvoll und möglich ist.

Denken Sie in Notfällen immer daran, Gerinnungskonzentrat in ausreichender Menge mit sich zu führen, um die Substitutionen in den ersten Stunden bzw. Tagen sicherzustellen.
Bei schweren sichtbaren Verletzungen sowie bereits beim Verdacht innerer Verletzungen ist unverzüglich mit der Substitution zu beginnen. Dabei ist es unproblematisch, wenn versehentlich zu hohe Dosierungen gewählt wurden oder sich später die Blutung als harmlos herausstellt.

Erste-Hilfe-Kenntnisse sind nicht nur nützlich, um die Fahrprüfung zu bestehen, sondern sie vermitteln auch u.U. lebensrettendes Wissen zur Erstbehandlung bei Unfällen in Haushalt und Familie. Insbesondere sollte man sich immer wieder in Erinnerung führen, wie eine stabile Seitenlage aussieht, wann sie anzuwenden ist sowie die Techniken von Beatmung und Herzdruckmassage zu rekapitulieren.

Sollten die Kinder längere Zeit von zu Hause weg sein, sollte man Möglichkeit immer wissen, wo sie sich aufhalten. Ist ein längerer Besuch bei Verwandten oder Bekannten geplant, sollten diese unbedingt über die Art und Behandlung der vorliegenden Gerinnungsstörung informiert sein und Faktorenkonzentrate ausreichend mitgegeben werden. Des weiteren sollten sie wissen, wie sie die Hämophilie-Ambulanz und natürlich auch die Eltern in der Zeit der Abwesenheit erreichen können.

Bezüglich der Erreichbarkeit der Hämophilie-Ambulanz ist es wichtig, nicht nur das Telefonkärtchen auszuhändigen, sondern auch die Funktion der einzelnen Nummern tags und nachts sowie an den Feiertagen zu erläutern. Zur Erinnerung seien die Nummern z.B. der Hämophilie-Ambulanz Bonn hier noch einmal aufgeführt:

tagsüber erreichen Sie die Hämophilie-Ambulanz über das Sekretariat unter folgenden drei Nummern:

0228 / 287 5188
0228 / 287 6716
0228 / 287 6935

abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen ist die Telefonzentrale der Universität Bonn erreichbar unter der Nummer: 0228 / 287 - 0. Diese vermittelt die Gespräche weiter bzw. teilt mit, wie der Dienstarzt erreichbar ist.

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