
Die lebensnotwendigen Faktorenkonzentrate, die sich die Hämophilen spritzen müssen, wurden im fraglichen Zeitraum ausschließlich aus Plasma gewonnen. Um die Faktorenkonzentrate in ausreichender Menge produzieren zu können, wurde das Plasma von vielen Spendern gesammelt und gepoolt (Plasmapools). Viren waren selbst durch sorgfältige Spenderauswahl kaum zu eliminieren, erst Anfang der 80er Jahre wurde die Methode der Hitzeinaktivierung durch die Fa. Behring entwickelt. Hierdurch konnten Hepatitis C-Viren und wie sich im nachhinein herausstellte, auch die HI-Viren abgetötet werden. Auch wurden die Labortests soweit verbessert, daß das ursprüngliche Risiko einer Virusübertragung weitgehend reduziert werden konnte. Das Robert Koch-Institut schätzt, daß in Deutschland im Juli 1997 320 000 Menschen mit dem Hepatitis C-Virus (HCV) infiziert sind und jährlich in der Bundesrepublik etwa 5000 Neuinfektionen hinzukommen. Laut Prof. Kurth, Direktor des RKI, handelt es sich aufgrund der relativen Häufigkeit, vor allem aber wegen des langen und chronischen Verlaufs um ein sehr ernst zu nehmendes medizinisches und gesundheitspolitisches Problem.
Bei der Hepatitis C handelt es sich um eine Leberentzündung, die durch das Virus vom Typ C hervorgerufen wird. Man unterscheidet zwischen der akuten und der chronischen Hepatitis C. Die akute Hepatitis C heilt bei ca. 20% der Patienten nach etwa sechs Monaten aus, die Leberfunktion normalisiert sich wieder. Sie verläuft oftmals ohne klinische Symptome, vereinzelt werden Gelbsucht, erhöhte Leberwerte, Übelkeit und Müdigkeit beobachtet. Die chronische Hepatitis C verläuft schleichend und zunächst meist unbemerkt vom Patienten. Es werden entweder keine oder meist nur milde Symptome festgestellt, wie leichte Übelkeit, Appetitlosigkeit, mangelnde Leistungsfähigkeit, Oberbauchbeschwerden. Wegen der oft unklaren Symptomatik wird eine chronische Hepatitis C erst nach einer Labordiagnostik festgestellt.
Die Leber ist das wichtigste Stoffwechselorgan des menschlichen Körpers. Sie ist verantwortlich für die Verdauung, für den Stoffwechsel, für den Hormonkreislauf und für den Blutkreislauf. Für die Verdauung produziert die Leber Gallenflüssigkeit, um die Nahrungsfette abzubauen. Für den Blutkreislauf entgiftet sie hindurchfließendes Blut von schädlichen Fremdstoffen. Aus dem entgifteten Blut baut die Leber aufgenommenes Eiweiß um, lagert Zucker ein und liefert über das Blut energiereiche Nährstoffe an die Körperzellen. Der beim Eiweißstoffwechsel abgebaute Harnstoff wird über das Blut zu den Nieren transportiert und von dort über die Niere mit dem Harn ausgeschieden. Für den Hormonkreislauf werden in der Leber die Ausgangsstoffe für die Sexualhormone und die körpereigenen Fette gebildet. Für den Blutkreislauf baut die Leber alte, verbrauchte Blutkörperchen ab.
Die Schädigung der Leber durch Viren erfolgt, wenn diese in die Leberzellen eingedrungen sind, sich hier vermehren und die gesunden Leberzellen zerstören. Die lebenswichtigen Funktionen der Leber werden immer weiter eingeschränkt, es bildet sich eine Leberzirrhose und im Endstadium möglicherweise ein Leberkarzinom. Die Leberzirrhose und das Leberkarzinom bildet sich bei etwa 15 - 20% der Patienten in der Regel nach mindestens 15 - 20 Jahren der Erkrankung. Beobachtet wurde, daß die fortgeschrittene Lebererkrankung vermehrt bei Patienten auftrat, die älter waren und zugleich stark erhöhte Leberwerte aufwiesen.
Die bisher einzige Behandlungsmöglichkeit der chronischen Hepatitis C ist Interferon. Interferone werden vom Körper als Abwehrstoffe auf körperfremde Eindringlinge gebildet, um diese unschädlich zu machen bzw. die Körperzellen vor dem Eindringen von Viren zu schützen. Es wird vermutet, daß Patienten mit einer chronischen Hepatitis zu wenig körpereigenes Interferon gebildet wurde.
1991 gelang es, auf biotechnologischer Basis Interferon herzustellen, das sogenannte Interferon Alfa. Mit Interferon Alfa konnte das Virus direkt medikamentös bekämpft werden. Interferon Alfa wird in regelmäßigen Abständen mehrere Monate lang subkutan (unter die Haut) injiziert und steigert deutlich die Abwehrkräfte. Gleichzeitig können auch die Vermehrung der Hepatitis C-Viren und der Entzündungsprozeß der Leber gehemmt werden. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß die Interferon-Therapie eine sehr belastende Behandlung darstellt. Zumindest in der Anfangsphase werden bei vielen Patienten heftige Nebenwirkungen beobachtet, die sich als grippeähnliche Symptome, wie Fieber, Kältegefühl, Schüttelfrost, Kopf-, Glieder- und Augenschmerzen sowie Abgeschlagenheit und Konzentrationsstörungen äußern.
Auf dem 28. Hämophiliesymposium im November 1997 in Hamburg wurde von Experten festgestellt, daß eine Interferon-Therapie nur in einem relativ frühen Stadium der Erkrankung zu einem dauerhaften Erfolg führt. Es wurde wiederholt beobachtet, daß der Erfolgsquotient bei jungen Patienten unter 40 Jahren mit kurzer Krankheitsdauer und niedrigen Leberwerten sehr viel höher ist als bei älteren Patienten mit einer chronisch geschädigten Leber und hohen Leberwerten. Untersuchungen haben auch gezeigt, daß eine Behandlung nach spätestens drei Monaten abgebrochen werden soll, wenn nach diesem Zeitraum keine spürbare Besserungstendenz in den Leberwerten feststellbar ist. Um einen genauen Grad der Schädigung der Leber feststellen zu können und auch um die spätere Behandlung mit Interferon abstimmen zu können, ist in jedem Falle eine Leberbiopsie oder auch eine Leberlaparaskopie angezeigt. Während in früheren Jahren häufiger die Laparoskopie (Bauchspiegelung mit Entnahme von Gewebe unter Sicht) durchgeführt wurde, beschränken sich die Leberspezialisten heute hauptsächlich auf die Biopsie (Blindpunktion). Hierbei wird dem Patienten am rechten Rippenbogen eine dünne Kanüle eingeführt und eine Gewebeprobe entnommen. Die günstigste Punktionsstelle wird vorher durch eine Ultraschalluntersuchung festgelegt. Die Biopsie kann heute in den meisten Fällen ambulant durchgeführt werden und ist für den Patienten bis auf den Einstich der lokalen Betäubungsspritze schmerzfrei. Nach dem Eingriff muß der Patient ca. 6 Stunden Bettruhe einhalten und die Punktionsstelle mit einem Sandsack beschweren, um Nachblutungen zu vermeiden.
Für den hämophilen Patienten ergeben sich aus der Biopsie einige Einschränkungen, die teilweise als belastend empfunden werden. So ist in der Regel ein dreitägiger stationärer Aufenthalt notwendig, außerdem wird eine erhöhte Substitution mit Gerinnungsfaktoren für einen Zeitraum von etwa 14 Tagen notwendig.
Zusammenfassung: